Das Schreibmaschinengesetz

Started by AribertDeckers, December 20, 2024, 10:44:47 AM

AribertDeckers



[*quote*]
Angst vor Schreibmaschinen

"Gegenstand zur Begehung krimineller Angriffe"


Von Dr. Rudolf Stamm

In den "Second-hand-shops" und Occasionsläden der Covaci-Straße von Bukarest prangen sie zwischen alten Möbeln, Fahrrädern, "kapitalistischen" Tresoren, Nähmaschinen, abgelegten Kleidern und Perücken: Schreibmaschinen von eckiger Form und schwarzer Farbe, wie sie unseren Großvätern vertraut waren.

Gewiß, an Solidarität nehmen sie es sicher mit manchem Produkt des elektrischen Kugelkopfzeitalters auf. Dennoch sind ihre Preise erstaunlich: gut 500 Mark - also mehr als ein durchschnittliches rumänisches Monatsgehalt, so läßt sich den Preisschildern entnehmen - ist der Rumäne bereit, dafür auf den Tisch zu blättern.

Ein westlicher Zuzügler, kürzlich von seiner Firma nach Bukarest versetzt, machte sich darüber seine Gedanken. Und als schließlich in seinem Unternehmen eine Schreibmaschine ersetzt werden sollte, beschloß er, das offenbar so begehrte Produkt lieber einem Rumänen zukommen zu lassen, statt es zum alten Eisen zu werfen.

Wie auch in Bukarest üblich, wollte er dazu den Weg über ein Zeitungsinserat einschlagen, mußte jedoch zu seinem Erstaunen von einem rumänischen Betriebsangehörigen erfahren, daß der Erwerb einer Schreibmaschine durchaus nicht jedem Bürger des Landes offenstehe.

Man benötige dazu eine spezielle Bewilligung. "Mit Schreibmaschinen", so wurde ihm erklärt, "können Gedanken verbreitet, Ideen vervielfältigt werden." Darum sei es nicht verwunderlich, daß der Staat über die Besitzer derart gefährlicher Geräte eine Kontrolle wünsche. Den Druck kritischer Bücher zu verbieten, scheint somit östlichen Machthabern nicht mehr zu genügen.

Das Übel soll offenbar an der Wurzel erfaßt werden. Rumänien steht, das muß hinzugefügt werden, mit dieser Haltung keineswegs allein. Auch einer ganzen Reihe von tschechoslowakischen Regimekritikern wurden bei ihrer Verhaftung die entsprechenden Schreibgeräte weggenommen. Als Grund für diese Maßnahme wurde jweils die "Überprüfung der Herkunft staatsfeindlicher Schriftstücke" genannt.

Doch solche Begründungen ändern sich im Notfall schnell. Als zum Beispiel der Ostrauer Philosoph Jaroslav Krejci nach Verbüßung einer zweieinhalbjährigen Gefängnisstrafe sein Eigentum zurückverlangte, wurde ihm dies kurzerhand verweigert. Im behördlichen Bescheid hieß es darüber: "Es steht im Widerspruch zur Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft, einen Gegenstand zurückzugeben, der zur Begehung krimineller Angriffe gegen eben diese Gesellschaft verwendet werden könnte."   dfk
[*/quote*]

("Report", 7./8. Februar 1978)

Diesen Zeitungsausschnitt habe ich 46 Jahre lang aufbewahrt unter dem Stichwort "Schreibmaschinengesetz". Es wird zu sehr vergessen, wie Menschen damals in Lebensgefahr ganze Bücher und Manuskripte abgeschrieben haben wie mittelalterliche Mönche, nur nicht mit der Schreibfeder, sondern mit der Schreibmaschine, was ihnen, wenn sie vorsichtig waren und keine Fehler machten, mit Hilfe von Blaupapier auch die eine oder andere zusätzliche Kopie brachte. Die Mönche wären über dieses magische Blaupapier sehr erfreut gewesen.

Unter dem Begriff "Samisdat" findet man immer noch Hinweise auf die Zeit.

Es war eine gefährliche Zeit und Mancher endete sein Leben früher oder anders als er wollte...


Der Text von Dr. Rudolf Stamm ist online nicht zu finden. Deswegen habe ich ihn hier vom Scan abgetippt. Auch als eine Erinnerung an Herrn Stamm, der schon 2010 verstarb:


https://www.diepresse.com/536885/nzz-rudolf-stamm-gestorben

[*quote*]
Medien
NZZ: Rudolf Stamm gestorben

Der frühere Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung in Wien war unter den Auslandsjournalisten eine Institution.
01.02.2010 um 20:58

Dr. Rudolf Stamm, in den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung in Wien, ist vor kurzem während der Rehabilitation nach einem großen chirurgischen Eingriff unerwartet zweiundsiebzigjährig in der Schweiz gestorben.

Stamm hat während 14 Jahren für die NZZ aus Österreich und den Ländern im Osten und Südosten Europas berichtet und sich durch seine von fundierter, in persönlichen Kontakten mit prominenten Dissidenten und unbekannten Regimegegnern gewonnene Kenntnis getragenen Berichte über die Entwicklungen, die schließlich zur großen Wende gegen Ende der achtziger Jahre führten, einen Namen und die Österreich- und Osteuropa-Berichterstattung seiner Zeitung in jenen Jahren zu einem Markenzeichen der NZZ gemacht.

Er vertrat die NZZ zuletzt in Rom und Washington und hat seinen Ruhestand in seiner Wahlheimat Italien verbracht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 2. 2. 2010)
Copyright 2024 Die Presse
[*/quote*]