Laborjournal: 'Baden Sie etwa an der Côte d'Azur'

Started by AribertDeckers, October 13, 2026, 05:03:25 AM

AribertDeckers

13.10.2026
Laborjournal: 'Baden Sie etwa an der Côte d'Azur'

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Das neue LABORJOURNAL

 
Titelthema: Sexuelles Fehlverhalten in der Wissenschaft

Umfrage unter TAs: Die Unsichtbaren in der Autorenliste

Knochenarbeit: Lymphgefäße im Inneren gesunder Knochen?

Connected Lab: Wenn Geräte miteinander reden

Methoden-Special: Räumliche Multi-Omik

Ballista-Spinne: Flugstunde für Ameisen

Produktübersicht: Automatisierte Nukleinsäure-Extraktion

Erlebnisse einer TA: Feueralarm
 

Liebe Leserinnen und Leser,

dieser Neuigkeitenbrief ist kein Bashing der Homöopathie. Schließlich wissen Sie selbst, wie höllisch vorsichtig Sie sein müssen! Baden Sie etwa an der Côte d'Azur und pipettieren unauffällig fünf Milliliter Kamillenextrakt in das Mittelmeer – Volumen 4,3 x 1018 Liter –, ist klar, was passiert: Im Handstreich verwandelt sich der gesamte Wasserraum zwischen Tel Aviv und Gibraltar in hochwirksame Chamomilla-Lösung mit D21-Potenzierung. Natürlich müssten Sie das Mittelmeer nach den Regeln der homöopathischen Verdünnungsreligion bei jeder der 21 Verdünnungsstufen noch zehnmal kräftig auf einen elastischen Untergrund schlagen. Doch dafür gibt es an der Côte d'Azur ja schließlich die Brandung. Die Natur denkt mit.

Kurzum, dieser Neuigkeitenbrief übt keine Kritik an der Gurkentruppe der Homöopathen. Im Gegenteil. Er möchte aufzeigen, wie Wissenschaft und Erkenntnisgewinn funktionieren. Nehmen Sie etwa die jüngste Publikation von Michael Frass, dem Vorsitzenden der ,,Wissenschaftlichen Gesellschaft für Homöopathie" in Österreich. Im Dezember 2020 krönte er sein Lebenswerk mit einer aufsehenerregenden klinischen Studie (Oncologist. doi.org/grckgg). Sie bewies, dass Homöopathika die mediane Überlebenszeit von Lungenkrebspatienten massiv um fast 70 Prozent verlängern und die 2-Jahres-Überlebensrate nahezu verdoppeln. Solche Effektstärken sind selbst bei modernen Immuntherapien außergewöhnlich. Einziger Schönheitsfehler: Studienprotokoll, Ausschlusskriterien und Endpunkte waren nachträglich geändert, unwillkommene Patientendaten selektiv gelöscht und die Überlebens- und Lebensqualitätsdaten gezielt verzerrt worden (Details auf LJ online). Allesamt unbedeutende Kleinigkeiten natürlich – dennoch zog die Fachzeitschrift das pseudowissenschaftliche Machwerk im November 2025 zurück (Oncologist. doi.org/rr49).


Doch kann der wissenschaftliche Totenschein einer Retraktion Frass & Co stoppen? Was tun, wenn sich die evidenzbasierte Medizin partout weigert, solch eine sensationelle Botschaft anzuerkennen? Ganz einfach: etwas Statistikzauber über denselben Datensatz streuen, einen frischen Titel darüberkleben – und das Ganze im September 2026 erneut veröffentlichen (Support Care Cancer. doi.org/rr4k). Kann Statistik zweifelhafte Ausgangsdaten nachträglich in stichhaltige Beweise verwandeln und grundlegende Bedenken wegen Datenmanipulation und Ethik beiseitewischen? Ja, natürlich! Und so kommt die Re-Analyse zum – huch, welch Überraschung – selben Schluss: Homöopathika ziehen locker mit modernen Krebsmedikamenten gleich. Offenbar muss auch ein Datensatz nur lange genug geschüttelt werden, bis sich seine Wirkung verstärkt. Das wird Leben retten!

Knapp 200 lange Jahre blieben Homöopathika einen Wirksamkeitsnachweis über Placebo-Effekte hinaus schuldig. Doch offensichtlich fehlte nur eines – die Hartnäckigkeit eines Michael Frass. Wie konnten wir derartige Effektstärken übersehen? Auch darauf gibt Frass in seiner Neupublikation Antwort: weil ,,die homöopathische Therapie [...] nicht auf die Wirkung des reinen Arzneimittels reduziert werden kann". Womit dieser Neuigkeitenbrief dann doch in der Alternativwelt der Fakten ankommt: Homöopathika wirken so gut wie Würfelzucker – solange man an dessen Wirkung glaubt – und erzielen damit als Placebo-Antwort Behandlungserfolge, von denen die betriebswirtschaftlich organisierte Medizin durchaus lernen kann.

Nun schrumpft ein Tumor deshalb nicht langsamer, und einem Lungenkarzinom fehlt bedauerlicherweise die nötige Offenheit für empathische Gesprächsführung. Würfelzucker ersetzt kein Zytostatikum. Allerdings bringt er einen Vorteil mit: Er lässt sich verdünnen, schütteln, lateinisch beschriften – und anschließend erheblich teurer verkaufen. Auch das ist schließlich eine Form von Potenzierung.

Ihr Henrik Müller/Laborjournal
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